Wolfgang
Endres, Gründer und Leiter des Studienhauses
St. Blasien, stellte auf der Jahrestagung 2003 des Fachverband sein
Konzept von Lernmethodik vor. Den folgenden Text haben wir (mit freundlicher
Genehmigung des Autors) aus der Dokumentation zum "forum Bildung" 2003
entnommen:
Lernen lernen - auf bestem Weg zum Methodenzirkus?
Irgendetwas - die Neuropsychologen sagen, die Funktionsweise unseres Nervensystems;
die Philosophen sagen, die Beschaffenheit der Welt - zwingt uns, in Kontrasten
zu denken. Weiß können wir uns nur im Unterschied zu Schwarz vorstellen.
Wahrnehmung und Erkenntnis sind nur in Kontrasten möglich.
Wenn ein Kind in seiner gesellschaftlichen Funktion als Schüler nun lernt, dann immer in Abgrenzung, in Kontrasten, ganz
gleich, ob es Erdkunde, Vokabeln oder Gefühle sind, die es aneinander, an andere Wissensinhalte oder an die jeweilige
Lernsituation knüpft. Das ganz Wichtige etwa muss in großer Distanz zum Unwichtigen stehen. Wo nur Wichtiges gelernt wird
(etwa bei der Vorbereitung auf Prüfungen oder Schulaufgaben), übernimmt das Außenherum, die Welt des Nichtlernens, die
Familie oder der Freundeskreis, vorübergehend die Rolle des Unwichtigen.
Je heftiger nun der Kontrast ist zwischen Wichtigem und Unwichtigem, desto stärker werden unsere Nerven gereizt, umso
aufwühlender ist das Erlebnis, umso emotionaler reagieren wir und umso tiefer prägt sich ein solches Erlebnis in unser
Gedächtnis ein. Denn auch unser Gedächtnis ist so strukturiert, dass es nur die wichtigen Dinge aufnimmt und speichert -
von unwichtigem Umfeld-Material gepolstert. Daher merken wir uns oft scheinbar ganz banale Nebensächlichkeiten, weil sie
das eigentlich Wichtige merkwürdig begleiten oder manchmal auch verdecken und
geschickt camouflieren.
Im Spektakel sitzt das Lächerliche direkt neben dem Wesentlichen: Es geht
um etwas, zum Beispiel um Leben und Tod beim Hochseilakt - aber der Grund
dafür ist banaA?l. Es ist eine Wette, der Artist will sich vor den Zuschauern
brüsten, man will wissen, wer der Stärkere ist, oder Ähnliches. Keine
hochtrabenden Wahrheiten stehen auf dem Spiel.
Jedes Stück Leben und jeder Lernprozess vollzieht sich irgendwo zwischen
Langeweile und Spektakel. So ist auch Lernmethodik ein Aufhorchen, ein
Umdenken, ein "Aha!", ein "Ach so!?", ein "Warum?" und ein "Waaaaas?"
- Lernen lernen ist wie der methodische (!) Zweifel bei Descartes, der
damit immerhin die gesamte Philosophie des Abendlandes umgestürzt hat.
Richtiges Lernen lernen ist eine Revolution - im Gehirn eines gelangweilten
Kindes, das vielleicht zum ersten Mal erkennt, am lebendigen Leib verspürt,
dass es sich selbst etwas beibringen kann, dass es nicht Opfer, sondern
Manager und kritischer Konstrukteur seines eigenen Geistes ist:
Descartes forderte, als Ausgangspunkt des neuzeitlichen Denkens und gegen
das alte autoritäre Denken des Mittelalters, lediglich das anzuerkennen,
was vor dem eigenen kritischen Denken Bestand hat.
Das Wesen der Lernmethodik in unserem Sinn kann daher nicht weiteres
Wissen und deshalb unmöglich Teil eines
Schul-"Alltags" sein. Es ist vielmehr wie ein Ausflug in eine Lernwelt voller Fragen. Aus diesem Grund ist die
Vorstellung, man könnte Lernmethodik als Sammelsurium von Tricks und Tipps so mir nichts, dir nichts in den Unterricht
"einbauen", ungenügend. Es fehlt ihr zum geistigen Abenteuer nämlich das Spektakuläre. Wahres Erkennen ist aber nicht
additiv, sondern eben spektakulär.
Daher wirkt der Versuch von ein wenig Lernmethodik ohne die Atmosphäre des Besonderen als reine Anwendung irgendwelcher
Tricks, wie die trockene Erklärung eines Seiltänzers, wie man über ein Seil zu laufen hat: Es fehlt das Wesentliche: das
Erlebnis, in dem es um Leben und Tod geht - in jeder wirklich wichtigen Frage geht es um "alles" -, es fehlt das Spektakel,
das auch in einem gewissen (heiligen) Schauer besteht, Zeuge, Medium, eines außerordentlichen,
eines besonderen Vorgangs
zu sein.
Für den Physiker Newton waren Farben nichts anderes als eine Naturerscheinung
namens "Licht" mit unterschiedlichen Wellenlängen, was zur Folge hatte,
dass jede Far be allein durch eine Zahl beschrieben werden konnte. Für
den Dichter und Naturliebhaber Goethe waren Farben etwas, das auf die
Seele wirkt, und so wollte er vor allem deren Funktion untersuchen. Newton
interessierte sich für Physik und Messgeräte, Goethe für Empfindungen
und Psychologie. Newton suchte das Reproduzierbare, ewig Gleiche. Goethe
war fasziniert vom Ungewöhnlichen, Einmaligen, immer Neuen. Goethe ist
allerdings der Transferfehler unterlaufen, dass er Beobachtungen aus dem
Bereich der Wahrnehmungspsychologie unzulässigerweise auf den der Physik
übertragen hat.
Die Arbeit an seiner Farbenlehre hat Goethe über 20 Jahre lang begleitet.
Sein Text "Zur Farbenlehre" von 1810 ist in vier Bänden erschienen. Eckermann
berichtet folgenden Ausspruch (vom 19. Februar 1829): "Auf alles, was
ich als Poet geleistet habe, bilde ich mir gar nichts ein. Es haben treffliche
Dichter mit mir gelebt, es lebten noch trefflichere vor mir, und es werden
ihrer nach mir sein. Dass ich aber in meinem Jahrhundert in der schwierigen
Wissenschaft der Farbenlehre der Einzige bin, der das Rechte weiß, darauf
tue ich mir etwas zugute, und ich habe daher ein Bewusstsein der Superiorität
über viele!" Angeregt von Goethes Farbenlehre sollen die "vier Farben
des Lehrens und Lernens" in einigen Lernsituationen beleuchtet werden.
Um farbpsychologische Zusammenhänge von vornherein zu vermeiden, werden die in Goethes "Farben-Tetraeder zur
Symbolisierung von Seelenkräften" festgelegten Farben Rot (= Fantasie), Grün(=
Sinnlichkeit), Gelb (= Vernunft) und Blau (= Verstand) in Anlehnung an das HDI
(Hirn-Dominanz Instrument) neu besetzt.
Die Lernvorlieben unter "Grün"
- Gute Planung
- Ordnungsprinzipien
- Klare Strukturen und Systeme
- Loci-Technik
- Stärkenanalyse
Realistische SelbsteinschätzA?ung setzt klare Vorstellungen voraus. Viele Schülerinnen und Schüler haben z. B. keine rechte
Vorstellung, wie viel Zeit sie für eine bestimmte Aufgabe benötigen. So geraten sie in Klassenarbeiten und vor Prüfungen
oft aus latenter Zeitnot regelrecht in Panik. Realistische Zeiteinschätzung ist daher eine wichtige Vorübung für
eine gute
Lernplanung.
Bei einem Angebot von Schätzaufgaben soll ein Text (halb)laut vor gelesen werden. Man trägt die geschätzte Dauer ein, die
für die Erledigung der Aufgabe benötigt wird und vergleicht anschließend die tatsächlich benötigte Zeit. Richtige
Einschätzungen vermitteln Erfolgs- erlebnisse und Sicherheit.
Die Lernvorlieben unter "Blau"
- Logisch analytisches Denken
- Erfassen - einschätzen - bemessen
- Entscheidungstraining
- Prioritätenliste
- Zielsetzung
Die Suche nach der Bedeutung - das Verstehen-Wollen - ist uns angeboren. Sobald wir uns mit einem Lernergebnis
beschäftigen, können wir unser Gehirn nicht daran hindern, in einen Verstehensprozess einzutreten. Wir suchen nach
Lösungen und setzen Problemlösungsstrategien ein, die sich im Denkmuster an vorausgegangenen
Aufgabenstellungen
orientieren.
Zielsetzungen und ergebnisorientiertes Denken unterstützen das Suchen nach Antworten. So gilt es, sich an
Zielsetzungsaktivitäten und Zielformulierungen zu beteiligen und Zielvereinbarungen
mit sich oder einem Lernpartner zu
arrangieren.
Ohne Eigeninitiative und Eigenverantwortlichkeit kann sich Lust am Denken nicht
entfalten. Dem lässt sich durch Senecas
Empfehlung "docendo discimus" entgegenwirken: Lernen durch Lehren. Durch diese
Methode wird die Erkenntnis im Sinne
Kleists zur Lernerfahrung:
"Die Verfertigung der Gedanken beim Reden".
Die Lernvorlieben unter "Rot"
- Austauschen von Ideen
- Integrieren persönlicher Erfahrungen
- Bewegen und fühlen
- Emotionale Beteiligung
- Lernklima
Unter diesen Aspekten legt das "Beziehungslernen" besonderen Wert auf ein gutes
Lernklima. Wie kann mein Lernen zu einem
Lernerlebnis werden?
OptimalA?e Bedingungen für das Lernen sind Lernumgebungen, die als angenehm und "sicher" wahrgenommen werden. Geringe
Selbstachtung und ein Mangel an Selbstwertgefühl hingegen blockieren die eigenen
Lernchancen.
Die Lernvorlieben unter "Gelb"
- Neugierverhalten und intuitives Verstehen
- Fantasievolles und bildhaftes Lernen
- Versteckte Möglichkeiten heraus finden
In einer ungewöhnlich persönlichen, an das "Höhlengleichnis" Platons erinnernden Passage schreibt Leo nardo da Vinci: "Und
da ich von unbändigem Verlangen dorthin gezogen wurde, stets begierig, die ungeheure Fülle von allerlei seltsamen Formen
zu schauen, welche die Natur geschaffen hat, so gelangte ich, nachdem ich eine Weile zwischen den düsteren Klippen
umhergewandert war, zum Eingang einer großen Höhle, vor der ich staunend eine Zeit lang stehen blieb, weil ich nichts
davon wusste. Mit gekrümmtem Rücken, die linke Hand auf das Knie gestützt und mit der rechten die gesenkte, gerunzelte
Stirn überschattend, beugte ich mich immer wieder vor, bald dahin und bald dorthin, um zu sehen, ob dort drinnen
irgendetwas zu unterscheiden sei; aber daran wurde ich gehindert durch das tiefe Dunkel, das dort herrschte. Und nachdem
ich eine Weile so davorgestanden hatte, regten sich plötzlich zwei Gefühle in mir, nämlich Furcht und Begierde: Furcht vor
der düster drohenden Höhle und Begierde zu erforschen, ob dort drinnen etwas
Wunderbares sei."
Wie lässt sich meine Neugier als Urtrieb des Lernens wach halten? Warum ist die Fragehaltung beim Lernen so wichtig? Wenn
man ein mal gelernt hat, wie Fragen zu stellen sind, wichtige substanzielle Fragen, dann hat man gelernt, wie man lernt.
Wer als Erstes nur nach dem Sinn seines Handelns fragt und fast ausschließlich ergebnisorientiert ans Werk geht, geht
häufig gar nicht erst ans Werk. "Der Weg des Denkens ist der Umweg", sagt Hegel, und deshalb bedient sich eine gute
Denkschule der Umwegdidaktik. Da ist Raum für kleine Lernexperimente, vielleicht sogar den einen oder anderen etwas
ausgefallA?enen Lerntipp. So lässt sich zum Beispiel beim Wiederholungslemen die paradoxe Intervention auf amüsante Weise
erleben: Ich suche mir z.B. aus einer Vokabelsammlung drei Vokabeln aus, die ich nicht behalten will. Diese schreibe ich
auf einzelne Schmierzettel, zerknülle oder zerreiße sie dann - und warte ab, ob das heftige Vergessen funktioniert ... So
wird mir der Lernvorgang bewusst gemacht, dass ich bei vielem, um das ich verkrampft kämpfe,
oft genau das Gegenteil
erreiche.
Aber schulisch an gewandte Lernmethodik ist mancherorts in Gefahr, zum
reinen Anwendungstrick, also zum Trick ohne Zirkus, zum Herumhantieren
ohne Atmosphäre und Zusammenhang zu verkommen. Wird "Zirkus" aber nicht
im pejorativen Sinn Kreativitätstraining gemeint, sondern als Darbietung
von Kunststücken, denen Trainingsfleiß und Können zugrunde liegen, kann
das Lernen jenes zirzensische Erlebnis sein, das unvergessen bleibt. Da
ist richtig gedeuteter Zirkus genau das Richtige für jede Lernrunde. So
gesehen bleibt sogar zu wünschen, dass das "Lernen lernen" auf bestem
Weg ist zum Methodenzirkus.
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