08.06.2008
Ein kleiner ‚Knigge’ zum
konfessionell-kooperativen Religionsunterricht in Baden-Württemberg
Herausgegeben vom Vorstand des Fachverbandes evangelischer Religionslehrerinnen und Religionslehrer in Baden e.V.,
veröffentlicht im entwurf 2/2006
Die
andere Position ist kein Klischee, sondern ein ernsthaftes Gegenüber.
Konfessionelle Identität speiste und speist sich zum Teil bis heute
aus Glaubenskämpfen vergangener Tage. Nach fast 500 Jahren getrennter
Wege ist kritisch zu prüfen, inwieweit bestimmte theologische Fronten
heute noch gültig sind oder aber der Vergangenheit angehören.
Das Reproduzieren alter Klischees und das Aufreißen längst
zugeschütteter Gräben achtet nicht die innerkirchliche Entwicklung
der anderen Konfession. Stattdessen versucht eine konfessionelle Kooperation
die jeweils andere Position fair und aus heutiger Sicht darzustellen – was
wiederum der konfessionellen Kommunikation bedarf.
Konfessionelle Kooperation braucht
eine geistliche Haltung, die unabhängig
von Mehrheitsverhältnissen Partnerschaft zwischen den Konfessionen
anstrebt.
Partnerschaft im Geist des Evangeliums kann nicht von Zahlenverhältnissen
abhängen. Dies gilt insbesondere in Diaspora-Gebieten. Als Mehrheit
sollen wir keine Sorge haben, den kleineren Partner aufzuwerten; als
Minderheit nicht die Sorge, übergangen und ignoriert zu werden.
Z.B. sollten wir Schulgottesdienste in einem fairen Wechsel in den Räumen
beider Kirchen feiern oder Leitungsverantwortung in der ökumenischen
Fachkonferenz im Wechsel zwischen den Konfessionen wahrnehmen.
Konfessionelle Kooperation braucht Vertrauen.
Vertrauen wächst durch offene Begegnungen, offenen Austausch von
Informationen und Einschätzungen, offenen Umgang mit den jeweiligen
Ressourcen – und auch durch gezielte Vertrauen bildende Aktionen.
Das Vertrauen wird untergraben, wenn ständig nachgerechnet und
gezählt wird, ob auch wirklich eine perfekte konfessionelle Ausgewogenheit
besteht.
Konfessionelle Kooperation braucht Selbstvertrauen und eigene konfessionelle
Beheimatung.
Was an der anderen Konfession möglicherweise fremd, sperrig oder
auch schwer verständlich ist, kann, soll Anlass zum Gespräch
und zum Versuch eines echten Verstehens sein. Es kann aber auch dabei
bleiben, dass Aspekte fremd und sperrig bleiben. Das soll aber nicht
zum Nivellieren und Abschleifen konfessioneller Profile führen
nach dem Motto: „Letztlich glauben wir doch an denselben Gott.“ In
dem Ausbalancieren von Distanz und Annäherung kann es gelingen,
Identität zu bewahren und Veränderung zu gestalten.(“1)
Konfessionelle Kooperation ist ein Dienst an Kindern und Jugendlichen.
Kinder und Jugendliche auf dem Weg zu einer konfessionellen Identität
zu begleiten, ist eine wichtige religionspädagogische Aufgabe.
Sie darf nicht durch konfessionelle Abgrenzung oder gar Vertiefung
der Unterschiede verfolgt werden.
Konfessionelle Kooperation braucht vor allem konfessionelle Kommunikation.
Die Chance eines konfessionell-kooperativen Religionsunterrichtes liegt
besonders darin, miteinander über die jeweils andere Position
ins Gespräch zu kommen. Ein reines Reden übereinander beraubt
sich dieser Chance. Gelingende konfessionelle Kooperation und gelingende
Kommunikation beeinflussen sich gegenseitig.
Konfessionelle Kooperation ist keine Werbung in eigener Sache!
Ausdruck von Bildung ist immer auch, Dinge und Einschätzungen
aus der Position der jeweils anderen wahrzunehmen („wechselseitige
Perspektivenübernahme “2). Dies gilt auch im Hinblick auf
Traditionen und Lehren der jeweils anderen Konfession. Die Chance,
die konfessionelle Kooperation bietet, wird verfehlt, wenn sie dazu
benutzt wird, die eigene Position als Grundlage von Wahrheit zu begreifen,
von der aus die andere Position bewertet und (ab)gewertet wird.
Es ist fair, wenn so über die andere Position gesprochen wird,
als wäre ein Vertreter von ihr anwesend.
Manches Wort über einen anderen Menschen bliebe in dessen Gegenwart
besser ungesagt. Eine gute Regel für eine konfessionelle Kooperation
lautet daher: Ich spreche so über die andere Konfession, als
schaue mir ihre Vertreterin bzw. Vertreter über die Schulter.
Verletzungen aufgrund kontroverser
theologischer Auffassungen gilt es zu vermeiden – mit
theologischen Unterschieden kann man auch konstruktiv umgehen.
Ziel konfessionell-kooperativen Religionsunterrichts ist es, weder theologische
Unterschiede zwischen den beiden Konfessionen zu nivellieren, noch zu verstärken.
Die Nicht-Zulassung evangelischer Schülerinnen und Schüler zur Eucharistiefeier
oder die Einladung katholischer Schülerinnen und Schüler zum Abendmahl
können zu Verletzungen führen, wenn sie beharrlich verfochten werden.
Da die Auswirkungen unterschiedlicher theologischer Auffassungen in der Schule
nicht ausgeräumt werden können, gilt es, gemeinsam nach Lösungen
zu suchen, die keine Seite verletzen.
Die Stärken und Schwächen der jeweils
anderen Konfession gilt es zuzulassen und anzuerkennen.
Mit Verlassen der eigenen konfessionellen Grenzen hin zur jeweils anderen Konfession
mag unter Umständen eine Irritation der eigenen Identität einhergehen,
die es neu zu stabilisieren gilt. Dabei ist es wenig hilfreich, allein die
vermeintlichen Schwächen der jeweils anderen Position wahrzunehmen und
diese „aufzuspießen“. Ebenso wenig hilfreich ist es umgekehrt,
angesichts mancher (vermeintlicher) Stärke der jeweils anderen Position
die eigene Konfession schlecht zu reden oder als minderwertig darzustellen.
Konfessionell-kooperativer Religionsunterricht kann somit einen Beitrag zum
konfessionellen Reichtum der einen Kirche Jesu Christi und zu einer gegenseitigen
Toleranz und Achtung leisten.
1 Was G. Böhm als Gebot der Hermeneutik
für „Fremde
Religionen im christlichen RU“ schreibt, gilt u.E. gleichermaßen
für die konfessionelle Kooperation. Vgl. entwurf 1/2002, Seite
7: „Verstehen und Begegnen tendieren zur Überwindung oder
Minimierung von Distanz ... Notwendig ist eine ‚Differenzhermeneutik’ (Theo
Sundermeier), die das Differente verstehen lehrt, ohne es zu vereinnahmen,
denn in dem Bestreben, die Polarität von Distanz und Annäherung
aufrechtzuerhalten, kann es gelingen, Identität zu bewahren
und zugleich Veränderung zu ermöglichen.“
2 Vergleiche: Grundlagenplan für den katholischen
Religionsunterricht in der gymnasialen Oberstufe/Sek.II, hg. v.
Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz, Bonn 2003, S. 31 ff.
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